Mir scheint, als hätte man beim Thema Digitalisierung die Wahl zwischen den Standpunkten Weltuntergangsprophezeihung oder Goldgräberstimmung. Entweder man verteufelt bahnbrechende Neuheiten stante pede oder ernennt selbige gleich zum heiligen Gral. Die Halbwertzeit beider Äußerungen liegt oft knapp über der von Teewurst. Zwischen den Positionen scheint es ein Vakuum zu geben. Auch mir wohnt eine gewisse Panik inne, was den Umgang mit den neuen Medien betrifft. Klassischer Fall von Neophobie. Aber anders als AfD-Wähler bin ich gewillt, mich meinen Ängsten zu stellen, um diese überwinden zu können, und mache mich daran, diese gesellschaftliche Entwicklung zu verstehen. In der Psychologie heißt das wohl Konfrontationstherapie.

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Früher war alles besser, oder? Laut der brand eins vom Juli 2016 lag der Anteil der Internetnutzer im Jahr 1995 weltweit bei nur 1 %, der Anteil der Handynutzer ebenso. Die Handys der 90er wogen zwar nicht mehr ein Kilo wie das allererste Handy der Welt, der Prototyp DynaTAC von Motorola, Mobiltelefonie war aber trotzdem noch kein Hype.

Verabredungen wurden festgelegt (im Ernstfall auch schon eine Woche vorher!) und eingehalten, weil der andere sonst wie ein Idiot in irgendeinem Café auf einen hätte warten müssen. Nach Urlauben traf man sich zu Dia-Abenden, klebte Fotoalben mit entwickelten Bildern voll und als Informationsquellen hatte man Zeitungen oder die Flimmerkiste. Hach, good old times, als es nur drei Programme gab und bei gutem Wetter RTL.

 

Nicht ohne mein iPhone

Im Jahr 2014 nutzten bereits 41 % der Menschen auf der Welt das Internet (bei den 16-24-jährigen Deutschen sogar fast 100 %) und 73 % Handys. Heutzutage kauft man online ein, liest Blogs und Liveticker, spielt Pokémon GO an dafür nicht vorgesehenen Orten und klassifiziert seine Mitmenschen per Swipe nach ihrer Fuckabilty. Dank sogenannter sozialer Medien muss man die Wohnung nicht mehr verlassen, um zu erfahren, was die eigenen Freunde gerade tun, und jeder hat die Chance, völlig ungefiltert seine Ansichten zu verbreiten – grenzenlos (#besoffenauffacebook). Auch haben jetzt Hater neue Hobbys entwickelt wie Cyber-Mobbing und Shitstorms. Und einige, eher wie Perfektionsroboter wirkende Menschen, machen Leuten wie mir mit ihren Bilderbuchleben auf Instagram permanent ein schlechtes Gewissen, weil wir bei den Nachahmungsversuchen der Selbstoptimierer grandios scheitern. Und überhaupt fühle ich mich einer Reizüberflutung aufgrund der Datenmenge ausgesetzt, die mir Schwierigkeiten bereitet, das für mich Relevante vom Schrott zu trennen. Ich leide an Online-ADHS.

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Zukunftsprognosen zur Auswirkung der Digitalisierung bringen ein originelles Kuriositätenkabinett hervor. So könnten wir uns zum Beispiel in einer Zeit, die wir nicht mehr erleben werden (außer vielleicht mit Hilfe von Kryokonservierung – bitte melden, wer da eine Erfolgsstory kennt), zu Menschen mit vier Fingern entwickeln, wovon einer ein großer Daumen sein wird. Aber wäre es nicht sinnvoller, einen filigranen Daumen zu haben, um Touchscreens zu bedienen? Vielleicht mit mehr Gelenken? Doch es gibt auch Schreckensszenarien, die uns zum Beispiel schon lange von Science-Fiction-Filmen in schillernden Farben präsentiert werden. So reicht die Bandbreite des Grauens vom Verlust der eigenen Daten mit bedrohlichen Folgen wie in Minority Report bis zur Versklavung und Vernichtung unserer Gattung durch künstliche Intelligenz (KI) wie in der Terminator-Reihe.

In seinem Film Her entwirft Spike Jonze wiederum eine Utopie, in der die Menschen der Zukunft Liebesbeziehungen mit KIs denen mit Menschen vorziehen. Die aktuellste Version einer solchen „lernfähigen Intelligenz“, Chat-Bot Tay von Microsoft, twitterte jedoch einige Stunden nach seinem Start wenig liebenswert: „I just hate everybody“. Es folgte ein bunter Strauß an rassistischen und sexistischen Nachrichten. Warum? Weil Neonazis Tay mit ihrem Gedankengut fütterten. Und darin liegt wohl der Schlüssel, mit dem man die Panik vor der Digitalisierung relativiert: Google späht keine Menschen aus, Tesla bringt keine Menschen um und Facebook mobbt keine Teenager. Das Böse ist der Mensch dahinter. Das Gute aber auch. So gibt es nicht nur Erfindungen, die uns das Leben wirklich erleichtern, sondern oft auch Content, der von großem Idealismus zeugt; in Form von Hilfsaktionen, politischen Bewegungen und Blogs mit tollen Vorbildern. Außerdem (in einigen Ländern dieser Welt) den uneingeschränkten Zugang zu Informationen und damit verbundene Transparenz. Arabischer Frühling und Isis: beides ohne soziale Medien nicht denkbar.

Wie wir diese schöne neue Welt nutzen, bleibt uns überlassen. Die Gedanken sind frei – unser Online-Verhalten auch. Ich bin für Aktivismus statt Apokalypase-Predigten. Das klappt übrigens auch im RL.

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GIFs: Jule Müller