Phase 1: Kein Internet. Who cares?!

In den ersten Tagen laufe ich staunend durch Havannas Straßen, lasse mich treiben mit der Musik, die hier an jeder Ecke spielt und bin überwältigt von meinen Eindrücken aus diesem karibischen Paradies.

Ich habe mehr Zeit zur Verfügung. Mein Tagesrhythmus ändert sich: Keine Eilnachrichten oder Chats mit Freunden halten mich auf. Ich schlafe oft schon um zehn ein und stehe um sieben auf.

Das Handy wir höchstens Nachmittags im Café für ein Foto gezückt. Smartphone-Maniacs, die im Akkordtakt WhatsApp-Nachrichten tippen und jede zweite Minute alle Facebook-, Twitter-, und Snapchat-Updates checken? Fehlanzeige. Einen aufmerksamkeitsfressenden Smartphone-Bildschirm braucht hier aber auch niemand: Das Treiben auf den Straßen ist echter und lebendiger als jeder Snapchat-Account. Ohne am Bildschirm zu kleben, lernt man viel schneller Leute kennen, zum Beispiel Alex. Er ist Eisverkäufer in Havannas Altstadt, Madonna-Fan und er spricht verdammt gutes Deutsch. Statt Fakten zum so genannten Sozialismus/Kommunismus zu googeln, erhalte ich hier Informationen aus erster Hand.

Phase 2 – Entzugserscheinungen

Jeden Abend ein Buch zu lesen, hat was. Allerdings würde ich mir zu gerne abends einen Film streamen, meine Lieblingsblogs checken und gute Journalismus-Artikel lesen. Eine Nachricht muss auch noch geschrieben werden um meinen Freuden mitzuteilen, was ich gerade mache.

Plötzlich finde ich die Online-Abstinenz semicool. Irgendwie fehlt es mir doch, mir auf Klick Informationen von Google zu ziehen und ich habe Angst, etwas Wichtiges zu verpassen. Was, wenn etwas passiert? In meinem Bekanntenkreis, in der Welt. Ein Leben ohne kostenlosen Dauer-Internetzugang isoliert.

Phase 3 – Assimilierung

Nach zweieinhalb Wochen habe ich mich endgültig damit arrangiert, für WLAN an einen öffentlichen Platz zu gehen, gemeinsam mit Touristen und Kubanern dem Internet zu frönen, und wenn’s schlecht läuft, eine Stunde in der Hitze zu warten, um mir Internetkarten zu kaufen. Eine Stundenkarte reicht mir für zwei bis drei Tage; ich nutze das Netz vorrangig, um mit Familie und Freunden zu schreiben, und für das Posting auf Instagram.

Instagram scheinen in Havana nicht viele Kubaner zu nutzen. Hier zählen Lebensfreude und die Gemeinschaft, das Leben spielt sich draußen ab: Zeitungsverkäufer preisen die neueste Ausgabe der Granma an, eine alte Dame verkauft Nüsse, die Menschen nehmen aktiv am Leben teil. Ich gehe mit offenen Augen durch die Welt und entdecke Ecken Kubas, die mir mit einem unkomplizierten Dauer-Onlinezugang verwehrt wären, weil ich mein zu oft aus der Tasche geholt hätte. Am Malecón, der Strandpromenade Havannas, setze ich mich ans Meer und lasse meine Gedanken schweifen. Mein digitales Ich kommt zur Ruhe. Ich lebe – jetzt.

Phase 4 – Veränderungen nach der Reise

Mein Online-Verhalten hat sich durch die Kuba-Reise verändert: Unnötigen Content habe ich zuhause aussortiert. Die Bilanz: Zehn Newsletter-Deabos, fünfhundert entfolgte Instagram-Accounts, zwölf Facebook-Entlikes. Das Resultat: Digitaler Freiraum, weniger Ballast, mehr Zeit.

Der Monat auf Kuba hat mir einen neuen Weg zur Selbstreflektion geebnet. Ich nutze das Internet, um mich mit Menschen zu verbinden, über das Weltgeschehen zu informieren und selbst Content zu produzieren. Die Kehrseite:

Eine  24/7-WLAN-Verbindung stiehlt mir kostbare Zeit, Schlaf und real talk mit Freunden und Fremden auf der Straße.

Memo an mich: Die Balance macht’s. Im Zweifelsfall: das Handy für ein Wochenende ausschalten. Im Alltag fiel es mir zunächst schwer, meinen Internetkonsum bewusster zu gestalten und zu limitieren, aber jetzt fühle ich mich befreit. Frei vom Drang, ununterbrochen online zu sein.

Header-Foto – Cuba von Shutterstock