Als Marija Stojanovic nach Berlin zieht, fällt ihr die hohe Anzahl Obdachloser auf. Die im Vergleich zu anderen Städten überdurchschnittlich große Präsenz lässt ihr keine Ruhe. 2011 gründet sie mit ihrem Partner ein urbanes Kunst-Magazin, dass diesen Menschen helfen soll. Sie nennen es erst StreetMag und später streem.

Heute ist Stojanovic Herausgeberin und Chefredakteurin dieses Magazins, das sich an eine junge kunst- und kulturinteressierte Zielgruppe richtet. Als Plattform für unterschiedlichste Beiträge freier Autoren, setzt es auf Partizipation. Aus den Einsendungen von Fotografen, Malern, Autoren und anderen Kunstschaffenden entsteht alle drei Monate eine bunte, kuratierte Ausgabe.

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streem will gesellschaftliche Grenzen aufbrechen:

„Es geht darum, dass z.B. der Straßenkünstler im Heft mit dem etablierten Streetart Künstler zusammenkommt. Oder Werke von renommierten Fotografen neben denen von Newcomern aus der Illustrations-Ecke erscheinen. Wir versuchen in jeder Ausgabe eine bunte Mixtur von allen möglichen Künstlern und Lebenskünstlern zusammenzustelllen. Natürlich behandeln wir auch soziale und ernste Themen, aber auf eine bewusste und kontroverse Weise. Nur weil das Magazin von obdachlosen Menschen verkauft wird, muss es noch lange kein ernstes Trauerblatt sein. Im Gegenteil – in dem Moment, in dem ich ein Produkt kaufe, hat mich die Geschichte des Verkäufers überhaupt nichts anzugehen. Es sollte keine Rolle spielen, warum Menschen einem etwas auf der Straße verkaufen, sondern nur um das würdevolle Distribuieren einer Ware gehen, die mich entweder interessiert oder nicht.“, sagt Stojanovic.

Eine feste soziale Rubrik in der streem sind Interviews mit obdachlosen Menschen. Der Gründer des YouTube-Channels Streets of Berlin führt und veröffentlicht die Interviews schon seit Jahren und lässt in jeder Ausgabe eines davon abdrucken.

Das Magazin soll die Interaktion von Käufer und Verkäufer auf Augenhöhe ermöglichen. Menschen sollen streem nicht aus Mitleid kaufen, sondern weil das Magazin künstlerische Schönheit und Vielfalt aufzeigt und eine legale und gute Einnahmequelle für die Verkäufer ist.

Anzeigen, Sonderausgaben und ein sogenanntes Social Abo finanzieren das Magazin. Online kann man das Abonnement der vierteljährlichen Ausgaben, für 15 € pro Jahr bestellen. Tausend Exemplare jeder Ausgabe sind hierfür reserviert und werden direkt in den Briefkasten geliefert. Aktuell beläuft sich die Zahl der Abonnenten auf ca. 100 Stück aber dieses Finanzierungsmodel könnte bei voller Abonnenten-Auslastung langfristig die Finanzierung einer Gesamtauflage von 20.000 Stück decken und das Magazin unabhängiger von mühseliger Anzeigen-Akquise machen. Denn, das Besondere an streem: Obdachlose und Not leidende Menschen können das Magazin kostenlos in verschiedenen Berliner sozialen Einrichtungen holen und verkaufen. Den gesamten Verkaufserlös können sie behalten und müssen nichts davon abgeben.

Digitale Welt trifft auf Straßen-Welt

“Soziale Medien oder treue Kooperationspartner wie der Radiosender FluxFM sind super wichtig, um das Magazin bekannter zu machen,” sagt Stojanovic. Je mehr Leute darüber reden, desto einfacher sei es für den Straßenverkäufer, das Magazin zu verkaufen. Die Produktionsfirma Nektar und Kometen hat zum Beispiel einen Werbeclip für das Social Abo gesponsert. Die Digital-Agentur Linkilike hat streem unterstützt, indem sie das Video verbreitete.

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Die streem-Redaktion bei der Arbeit.

Ein Ziel liegt Stojanovic und ihrem Team für die Zukunft besonders am Herzen: “Für eine Stadt wie Berlin ist eine Auflage von 20.000 Stück nichts. Deshalb sieht man streem auch nicht so häufig. Wenn wir es schaffen, die Abo-Zahl zu erhöhen, können wir auch die Zahl der an die Straßenverkäufer ausgegebenen Magazine erhöhen.”

Wer den liebevollen Content für den guten Zweck unterstützen und neue Künstler entdecken möchte, kann sich streem hier im Abo bestellen.

Alle Fotos: Marija Stojanovic